Wie mit dem Kindle das Sams zu uns kam.

 

51JZIdgzD4L._SL160_PIsitb-sticker-arrow-dp,TopRight,12,-18_SH30_OU03_AA160_Wir lesen seit einiger Zeit mit dem Kindle. Also ich lese, meine Kinder können noch nicht lesen. Für mich allein, sehe ich darin auch viele Vorteile. Man spart schließlich eine Menge Papier. Ich muss nicht auf eine staubige Bücherwand schauen, um mich belesen zu fühlen. Allerdings ist das Angebot doch noch sehr eingeschränkt. 512WhmMYFpL._SL500_PIsitb-sticker-arrow-big,TopRight,35,-73_OU03_SS100_

Andererseits gibt es manches mittlerweile nur noch als ebook, weil das Risiko geringer ist. Bevor ich mich jetzt in der Analyse bezüglich des Fortbestandes ganzer Industrien rund um das Buch versteige…wie wirkt sich jetzt der Kindle auf unsere Vorlesesituation aus?

Natürlich ist auch mit den Kindern ein Kindle praktisch. Wenn sich zwei Kinder in meine Arme kuscheln, bin ich froh, wenn ich so ein Leichtgewicht in der Hand halte und kein schweres Buch. Ich wünschte wirklich, ich hätte während der Stillzeit schon einen gehabt. Auch dass man vom Umgebungslicht unabhängiger ist, ist mit Kindern oft ein Vorteil. Wir lesen überall: Beim Arzt, im Restaurant, im Flieger, im Bett, am Sofa, am Strand, in Hotellobbies und haben immer bequem ein paar Bücher dabei. Ich bin froh, dass unsere Kinderbibliothek nur virtuell wächst, weil ich auch gar nicht wüsste, wohin mit all den Schätzen. Wenn man mit dem einen Buch fertig ist, bestellt man flugs ein Neues. Wenn man so viel liest, wie wir hat man den Anschaffungspreis auch schnell wieder hereingelesen, weil die Bücher ja deutlich günstiger sind.51p2M7obJiL._SL500_PIsitb-sticker-arrow-big,TopRight,35,-73_OU03_SS100_

Auf diese Weise haben wir alle „Sams“ Bände in nur zwei Wochen gelesen. Es gab kein Halten mehr. Auch bei mir nicht. Vorlesen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, wenn meine Kinder zu groß dafür sind, gehe ich ins Altenheim. So sehr wir uns auch in das Sams verliebt haben, in den kleinen, frechen Kerl mit den Wunschpunkten, der Herrn Taschenbiers Leben gehörig durcheinander wirbelt, ein bisschen habe ich den Eindruck, ein gemächlicheres Tempo hätte uns gutgetan. Hätten wir ein Buch in der Hand gehabt, hätten wir uns länger auch auf die Bilder konzentriert. Es hätte längere Pausen zwischen den Büchern gegeben (man bestellt ja nicht 9 Bände auf einmal) und wir hätten sie besser verdaut. Wir hätten mit Vorfreude auf einen neuen Band gewartet (Also nicht bis zum nächsten Geburtstag. Bücher sind bei uns mehr ein Grundnahrungsmittel). Warten können……unseren Kindern darin ein Vorbild zu sein, fällt uns schwerer und schwerer und der Kindle wird uns da kein Helfer sein.

Allerdings konnten wir bequem während des Lesens unsere liebsten Sams-Reime markieren, damit wir sie immer wieder lesen können. Wenn wir schnell man einen Lacher brauchen und davon kann man doch nicht genug haben, dann werden wir beim Sams immer fündig. Lachen ist wichtiger als Warten, würde ich sagen.

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Zu bedenken ist aber, dass das Buch nicht greifbar ist, das heißt, das Kind wühlt nicht in der Bücherkiste und kommt dann mit dem Buch an und es wird noch einmal ( und noch einmal, und noch einmal) gelesen. Das Kind kann das Buch, den Schatz, nicht mehr in den Händen halten und es wird auch nicht einfach mal nur darin geblättert. Natürlich nähern sich Kinder irgendwann dem Erwachsenen-Lesen insoweit an, dass sie Bücher nicht mehr wieder und wieder lesen. Aber meiner Meinung nach brauchen Kinder im Vorschulalter diese Wiederholung noch auf jeden Fall. Sie müssen Dinge noch be-greifen. Dazu gehört auch ein Buch wirklich in den Händen zu halten und in den Bildern zu schwelgen. Das Rascheln vom Umblättern zu hören und den Buchgeruch einzusaugen. Da ist der Kindle eher eindimensional zu nennen.

Der Kindle wird also sicher nicht unsere einzige Lesequelle sein. Zumal sich die Auswahl an guter Kinderliteratur dort derzeit auch noch außerordentlich bescheiden ausnimmt. Andererseits ist er so schrecklich praktisch, dass ich ihn auch nicht mehr missen möchte.

 

Die Kinder aus Bullerbü

„Jetzt kommt die wieder mit ihren ollen Kammellen“, wird manch einer sagen, wenn wir hier – nicht nur, aber doch unermüdlich- Kinderbücher empfehlen, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben. Und was antworte ich darauf? „Qualität besteht nun mal über allen Zeitgeist hinweg“ Es stimmt schon. Das Leben meiner Kinder hat auf den ersten Blick nicht viel zu tun mit dem Leben von 7 Kindern, die vor mehr als einem halben Jahrhundert in Schweden auf drei Höfen aufwachsen. Aber die grundsätzlichen menschlichen Regungen bleiben immer gleich und deshalb werden gute Geschichten auch überleben. Die Geschichten und Figuren von Astrid Lindgren sind von solch tiefem Humanismus geprägt, dass sie die Kinderseele nähren und meine auch. Auf ewig.

Was mich an den Kindern aus Bullerbü vor allem begeistert, ist die unglaubliche Fülle an Kinderspielen, die da gespielt werden. Die halbe Spielzeugindustrie rankt sich um „pretend to be play“. Aber, oh Wunder, bei den Kindern aus Bullerbü werden tagaus, tagein ohne viel Plastikzubehör Spiele erfunden. Das war so eindrucksvoll, dass ich auf ein „mir ist langweilig“ mittlerweile manchmal sage, „dann denk an die Kinder aus Bullerbü und denk Dir ein Spiel aus“. Was tatsächlich oft funktioniert. Das Buch macht mir wieder bewusst, dass wir Eltern darauf schauen müssen, dass da genug Raum und Zeit zum Spielen ist. Abgesehen davon, dass ich es liebe, wenn ich meine Kinder beim Spielen belauschen kann.

Meine Lieblingssätze aus „Die Kinder aus Bullerbü“:

„Ich habe keine Schwester. Das ist schade. Jungen sind so anstrengend“

„Weißt du, was ich glaube?“ sagte Inga. „ich glaube, das, was in der Zeitung gestanden hat, war gelogen. Denn es ist doch ganz egal, wie man mit kleinen Kindern redet. Ob man mild und freundlich mit ihnen spricht oder ob man sie anschreit, sie tun doch immer was sie wollen“.

„Aber es ist zwecklos zu jammern, wenn man müde wird, denn dann sagt Papa, wer jammert darf nicht mit, um Krebse zu fangen und im Wald zu schlafen.“

„Ich jedenfalls werde Ole heiraten. Es ist nur schade, dass er so wenig Haar hat. Aber vielleicht wächst es noch, bis er groß ist.“

Jetzt höre ich auf, sonst schreibe ich noch das Buch ab.

Die Kinder aus Bullerbü

Nils Holgerson fliegt mit den Gänsen davon

„Nils Holgersons wunderbare Reise“ habe ich als Kind nie gelesen. Natürlich kenne ich die Geschichte, aber von dem gleichnamigen Zeichentrickfilm. Jetzt lese ich es mit den Buben und stelle fest, dass der Kinderfilm-Weichspüler-Effekt der Geschichte viel Großartiges genommen hat.

Das Sujet zunächst einmal wie aus einer Fallstudie von Jesper Juul: Aggressiver Teenager voller Hass und mit Hang zur Tierquälerei gerät zunehmend ins Abseits und erlebt nichts Positives mehr in Beziehung zu anderen Menschen. Die Mutter, chronisch überfordert, kann keine persönlichen Grenzen setzten, der Vater ist unnahbar und spielt die Rolle des gestrengen Erziehers.

Nils indes ist, nachdem er vom Wichtelmännchen in einen Däumling verzaubert wurde, hin und her gerissen zwischen der Angst ewig klein zu bleiben und der Freude darüber mit den Gänsen auf die Reise gehen zu können, sich aus dem „Mensch sein“ flüchten zu können. Es stellt sich als seine Rettung dar, dass er nunmehr in einer Gemeinschaft leben darf, in der er bestehen kann. Eine tierische Gemeinschaft, die auf Regeln beruht, die das Leben vorschreibt, ohne erzieherische Ansprüche. Und Nils entdeckt, dass er in dieser Gemeinschaft bestehen möchte. Dass, das, was ihn ausmacht, nämlich Tatkraft, Mut, Sturheit, Unbeirrbarkeit und ein gutes Herz, in den Dienst dieser Gemeinschaft gestellt, ihn zu einem geachteten und geliebten Mitglied in der Schar der Wildgänse werden lässt. Was nun im Detail auf der Reise geschieht mit Smirre, dem Fuchs, Sirle, dem Eichhörnchen, Herrn Emmerich, dem Storch und all den anderen, das findet ihr am besten selbst heraus.

Selma Lagerlöf, die als erste Frau den Literaturnobelpreis erhielt, lässt uns mit Nils Holgerson durch Schweden reisen und uns beobachten, wie der Junge seinen eigenen Kern wieder findet.Es berührt mich immer wieder, wie anders ich als Erwachsener so manche Kinderliteratur nunmehr wahrnehme. Wie viele Ebenen wirklich gute Geschichten haben können und was für ein Schatz sie sind. Nils Holgerson gehört auf alle Fälle in unsere Leseschatzkiste.

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Weil wir mit unseren Figuren immer eine Zeitlang leben, uns so manches Ende eines Buches und der Abschied von den Protagonisten auch ein bisschen schwerfällt, versuchen wir uns immer noch ein bisschen mehr vom Buch in unser Leben zu ziehen. Da wird schon mal das Kleine Gespenst gebastelt oder mit Karlson vom Dach Zimtwecken gebacken, oder im Zuge unserer derzeitigen Stempelliebe ein Nils-Holgerson-Stempel für ein Lesezeichen geschnitzt.