Stolz

Stolz ist ebenso wie Ärger oder Freude ein grundlegendes Gefühl, das durch eindeutig erkennbare Gesten ausgedrückt wird. Diese spontanen Gebärden werden in allen menschlichen Kulturen gemacht und erkannt, konnten Psychologen in mehreren Studien zeigen. Neben Furcht, Traurigkeit, Überraschtheit, Ekel, Ärger und Freude gehört der Stolz somit zu den grundsätzlichen menschlichen Gemütsbewegungen, die angeboren und nicht anerzogen sind. ( vgl. Bild der Wissenschaft)
Obwohl er nun eine grundlegende menschliche Gemütsbewegung ist, habe ich mit dem Stolz so meine Probleme. Begründet liegt das wohl in dem, was mit dem Sprichwort „Dummheit und Stolz wachsen auf dem selben Holz“ gemeint ist. Dass der Stolz nämlich ganz schnell die falsche Abzweigung nimmt. Dass die Grenze zwischen der Freude, über Erreichtes und Geleistetes und dem Erheben über andere, -vermeintlich schlechtere- zu haarscharf ist. Dass der Stolz sich oftmals aus dem Vergleich nährt.

Evolutionsbiologisch mag das alles viel Sinn machen. Vergleichen, Besser sein wollen als andere, das mag die Art voranbringen. Aber wir Menschen stellen die Art schon lange nicht mehr über das Glück des Einzelnen. Für den Einzelnen ist der Vergleich mit anderen aber oft nicht hilfreich. Nicht deshalb, weil man möglicherweise schlecht abschneidet, sondern weil der Vergleich weg führt vom Selbst. Weil man leicht aus dem Blick lässt, dass die Ziele der anderen, gar nicht unbedingt die eigenen sind. Zu oft übernehmen wir allgemein anerkannte Ziele ungeprüft als unsere eigenen. Man gesteht sich im Moment des Vergleichs auch oft nicht ein, dass der andere vielleicht etwas Wunderbares erreicht hat, man selber aber einfach nicht bereit ist, den Preis dafür zu zahlen.

Auch dem, der sich vergleicht und besser abschneiden, schadet der Vergleich. Er trennt ihn von den anderen. Der Vergleich lässt Hirachien entstehen. Wie kann der Vergleichende noch partnerschaftlich, freundschaftlich umgehen mit dem, auf den er herabschaut. Begegnung findet nunmal nur auf Augenhöhe statt. Der Vergleich vernebelt gleichsam den Blick auf das Gegenüber.

Und Stolz ohne Vergleich ist nunmal selten. Was ist Stolz, wenn keiner zuschaut, keiner applaudiert? Gibt es Stolz noch auf einer einsamen Insel, von der man nicht mehr wegkommt?

Natürlich meine Kinder strafen mich Lügen. Kein Tag ohne Vergleich, kein Tag ohne Stolz darüber, besser, schneller, erster zu sein, vor dem Bruder. Das kann ich so stehen lassen. Aber ich halte es für eine kindliche, unreife Regung. Ich schicke mich zwar nicht an, sie meinen Kindern auszutreiben, ich halte sie aber sie aber in meinem eigenen Leben für nicht dienlich.

Freude am Sein ist für mich weit fruchtvoller als Stolz über Geleistetes. Der Stolz steht lediglich am Ende einer Anstrengung, die Freude am Sein kann einen den ganzen Weg begleiten. Macht es überhaupt Sinn, sich abzustrampeln mit Dingen, an denen man die ganze Zeit keine Freude hat, nur um am Ende Stolz zu sein? Wenn man Freude hat, an dem, was man tut, relativiert sich denn dann nicht die Gefahr des Misserfolgs. Ist es am Ende vielleicht gar nicht mehr so entscheidend, ob man gewinnt?

Noch problematischer finde ich es aber, auf seine Kinder stolz zu sein. Leute, die allzu stolz auf ihre Kinder sind, machen mich misstrauisch. Haben die kein eigenes Leben, dass sie auf ein anderes stolz sein müssen? Ist das Kind ein Projekt, das man gewissenhaft abarbeitet? Wo es eine Hürde nach der anderen elegant zu nehmen gilt. Was passiert mit einem Kind, auf das die Eltern stolz sein wollen? Wird es gesehen und angenommen, wie es nun mal ist? Welche Kriterien hat es zu erfüllen, damit seine Eltern stolz sein können? Was passiert, wenn es nicht erfolgreich, schön, beliebt, brav, angepasst, besonders, fröhlich, kreativ, sportlich und sozial genug ist? Wenn es sich dem Bedürfnis der Eltern, stolz zu sein, als gute, erfolgreiche Eltern gesehen zu werden, verweigert. Was passiert in den Momenten, in denen man nicht stolz ist, auf seine Kinder, man sich vielleicht sogar schämt. Wie kann man dann konstruktiv agieren, wenn man emotional darauf angewiesen ist, dass die Kinder mit ihrer „Performance“ das eigenen Selbstwertgefühl aufpolieren.

Stolz Sein auf die eigenen Kinder, ist nicht nur oft mit einem Vergleich verbunden, sondern zwangsläufig auch mit einem Urteil. „Ich bin stolz auf Dich.“ Soll heißen: „Du bist gut genug“. „Ich bin nicht stolz auf Dich, du bist nicht gut genug.“ Ich habe die Macht und die Erlaubnis über Dich zu urteilen. Wer beurteilt, ist der Chef. Wer das auch für Eltern uneingeschränkt richtig findet, der soll sich überlegen, wie schön er es fände, tagaus, tagein mit seinem Chef zusammenzuleben. Wer andere verurteilt, in dem Fall das Kind, verurteilt sich in Wirklichkeit selbst . Du hast eine Fünf in Mathe (ein von mir scheinheilig gewähltes Beispiel, weil meine Kinder noch nicht in die Schule gehen), ich bin also eine schlechte Mutter.

Während stolz auf etwas, was einem zugeflogen ist (mag man es auch angezogen haben) eher verpönt ist, darf man wohl ungestraft stolz auf Geleistetes sein. „Man kann zurecht stolz darauf sein“, so sagt man doch. Hingegen darf man nicht stolz auf sich sein, einfach weil man ein wunderbarer Mensch ist. In Landstreicher-Manier das Leben zu genießen, sich an sich selber freuen, ohne etwas zu leisten, das ist uns nicht erlaubt. Darauf kann man nun wahrhaftig nicht stolz sein.

Mit sich zufrieden sein, auch wenn mal etwas daneben geht, das Wissen um den eigenen unverbrüchlichen Wert, jenseits der täglichen Leistung, das will ich meinen Kindern mitgeben. Das fällt mir nicht leicht, ich bin das Kind stolzer Eltern.

Wenn der Stolz also daherkommt, beäuge ich ihn kritisch. Wenn meine Kinder etwas erreichen, freue ich mich für Sie, ich genieße ihre eigene Freude über das Erreichte. Richtig gute Momente sind das vor allem, wenn ich es schaffe mich aus der Elternrolle zu lösen. Wenn ich da stehe als Mensch und mich für einen anderen freuen kann. Und wenn mir etwas gut gelingt, dann erzähle ich meinen Kindern von meiner Freude darüber. So entsteht Begegnung.

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