Mutterleben – Eine Energiebilanz

Es war vorrangig Johannes Wunsch, dass wir ihn nach Singapore begleiten. Ich muss sagen, ich war eher skeptisch. Zum einen habe ich das Gefühl, dass uns als Familie gerade ein bisschen der Rhythmus fehlt, wir nach Miami noch gar nicht so recht Fuß gefasst haben. Das mag auch mit einem holprigen Kindergartenstart, Heuschnupfen ohne Ende und Erkältungen zusammenhängen.
Außerdem habe ich im Moment das Gefühl, dass ich mehr Energie abgebe ( oder abgeben muss), als ich selber habe. Da stellt sich dann schon die Frage, kostet mich ein Trip nach Singapore mit zwei kleinen Kindern vielleicht mehr, als er mir bringt? Zumal ich ja doch die meiste Zeit allein mit den Kindern verbringe und Johannes arbeiten muss.

Es war schön, dass wir mitgekommen sind und ich glaube (der kräftezehrende Rückflug steht uns ja noch bevor) es hat mir mehr Energie gegeben, als es mich gekostet hat.
Mit unseren Kindern wird Fliegen langsam immer einfacher. Ein neues Land, neue Menschen, neues Essen, die tropische Vegetation bereichern mich, auch wenn ich vieles mit den Kindern nur oberflächlich streifen kann. Eine Reise gibt immer Anstoss Dinge mit neuen Augen zu sehen. Die Kinder auf ihren kleinen Abenteuern zu begleiten, mit ihnen Riesenameisenstraßen zu verfolgen, Frangipaniblütenmandalas zu legen und zu überlegen, welche Tiere wohl diesen ohrenbetäubenden Lärm im tropischen Regenwald verursachen, macht mir auch Freude. Es gibt mir wieder neue Ideen für zu Hause. Auch tut es uns allen gut, wenn ich nicht mal schnell dieses und jenes mache, wie Zuhause, sondern es nichts zu tun gibt, als mit den Kindern zusammen zu sein.
Ich habe es mir aber auch nicht extra schwer gemacht und die Kinder nicht auf Sightseeingtour durch die Stadt geschleppt. Ich war in keinem Museum, keiner Galerie und schweißtreibende Touren durch das Hinterland (also Malaysia) gab es auch nicht. Im Zweifel haben wir die Nachmittage eher im Hotelpool verbracht. Dass unser Hotel wirklich eine Wohltat für’s Auge war, hat sicher sehr dazu beigetragen Singapore in sehr guter Erinnerung zu behalten.

Grundsätzlich versuche ich mir immer wieder Gedanken zu machen, wo die Energie in meinem Leben herkommt und wo sie hingeht.
Gerade kleine Kinder leben im Energiefeld ihrer Mütter (oder Väter). Ist mein Energiefeld stabil, obwohl sich die Kinder daran ständig bedienen (womit im wesentlichen die Frage beantwortet wäre, wo die Energie hingeht) , geht es uns allen gut. Schwächelt mein Energiefeld, schwächeln dann gleich alle mit und ein Ärger jagt den nächsten. Wo die Energie herkommt ist nun individuell. Wichtig ist nur, dass man rausfindet, was das ist. Bei mir ist das: genug Schlaf, genug Wasser, vernünftiges Essen, Laufen, in die Berge gehen, Yoga, Bücher, Natur und Kultur, Abwechslung, Allein sein, Zeit zum Denken.

Manche Menschen brauchen viel geregelten Tagesablauf, mir wird ewig Gleiches schnell zu langweilig. Schon zwei Tage hintereinander das gleiche Essen bereitet mir viel Unmut. Auf Dauer würde ich nirgends leben wollen, wo es keine vier Jahreszeiten gibt und ich will auch nicht den Rest meines Lebens am gleichen Fleck verbringen.
Viele blühen in Gesellschaft auf und gewinnen viel Energie aus dem Zusammensein mit anderen Menschen. Mich kostet es oft mehr Energie, als es mir gibt. Ich bin zuallererst mal gerne allein. Seit ich Mutter bin, gibt es nichts, was ich so vermisse, wie das Alleinsein.
Ich mag das Meer auch, aber grundsätzlich höre ich eher immer den Watzmann rufen. Bei Manchem verursachen die Berge Beklemmung, bei mir immer Hochgefühl.
Poesie ist für mich wichtiger als Musik, in Ruhe Aufstehen wichtiger als lang schlafen.

Auf sich zu schauen, um zu sehen, wo viel Energie reinkommt und das zu forcieren ist wichtiger, als die Räuberbande mühsam vom Energieabzapfen zu hindern.

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