Kleinkinderzeit -Ich weine ihr keine Träne nach

Wir hatten einen richtig schlechten Morgen.
Matteo wacht auf, es ist 4h früh (wir haben das jetlag noch nicht ganz überwunden). Er schreit. Ich gehe los, um ihn zu holen. Jetzt schreit er, weil er nicht geholt werden will. Ich gehe die Treppe wieder runter. Er schreit weiter. Ich sage, ich mache ihm eine Flasche. Er schreit weiter, weil er will, dass ich damit erst anfange, wenn er die Treppe runtergekommen ist. Die bereits volle Flasche soll ich wieder wegschütten. Leo und Johannes schlafen noch. Ich will nicht, dass er sie aufweckt. Matteo schreit weiter, warum jetzt, oder warum immer noch, weiß ich gerade nicht. Ich gehe mit ihm auf den Flur und sage, ich kann erst wieder hinein gehen, wenn er mit seinem Gebrüll aufhört, nach einigem Hin und Her hört er auf.
Das geht dann so weiter…Matteo schreit, weil ich das Feuchttuch aus der Box genommen habe und er das tun wollte, weil er die Hose nicht anziehen will, weil er eine andere Geschichte als Leo lesen will, weil Leo ihn haut.
Leo schreit, weil er getragen werden will, weil er doch selber laufen will, weil er Schnupfen hat, weil er sich den Fuß anhaut, weil Matteo schreit, weil er seine Geschichte gelesen haben will, weil sein Getränk zu heiß ist, weil sein Getränk jetzt zu kalt ist, weil Matteo ihn haut.

Warum jammere ich Euch hier jetzt damit die Ohren voll? Ganz einfach, weil das schon ganz lang nicht mehr so schlimm war. Und weil es aber noch vor einem Jahr bei uns fast jeden Morgen so war. Ich hab meine Augen am Morgen noch kaum aufbekommen, da hatte ich schon das Gefühl „Ich will auch schreien!“ Das, obwohl der Morgen bei uns, im Gegensatz zu vielen anderen Familien, eigentlich völlig stressfrei ist.

Was ich sagen will: Einatmen, Ausatmen, alles andere geht vorbei!

Ich kann schon ganz oft durchschlafen, ich kann auch ohne Babysitter Duschen gehen, manchmal mache ich eine ganze Stunde irgendetwas anderes und die Kinder spielen miteinander. Wir können ein paar Stunden draußen unterwegs sein ohne Kinderwagen und ohne, dass ich ein Kind tragen muss. Ich koche auch nicht mehr nur „Ein-Arm-Gerichte“ (Ein Arm kocht, der andere Arm trägt das Kind). Machmal kann ich auch mit anderen Müttern ein über Halbsätze hinausgehendes Gespräch führen, weil die Kinder uns gerade nicht brauchen. Ich schlafe auch nicht mehr bei der Tagesschau ein.

Das sind kleine wiedergewonnene Freiheiten, aber ich kann sie wirklich sehr genießen. Vielleicht weil diese Phase mit einem Altersabstand von 15 Monaten zwischen meinen Kindern so geballt war, sind mir jetzt diese schleichenden Erleichterungen so bewusst. Auch der Ortswechsel trägt dazu bei, deutlich zu sehen, was jetzt schon viel leichter ist, als beim letzten Mal.
Ich genieße die Zeit mit den Kindern jetzt viel mehr. Kann ein bisschen ernten, was ich die letzten Jahre oft mühsam säte. Ich bin froh, dass unser Leben es erlaubt, dass ich dafür Zeit habe.

Ich frage mich, ob ich irgendwann auch eine von denen bin, die mit leuchtenden Augen in jeden Kinderwagen gucken und der Mutter mit Augenringen bis zum Knie, die mühsam einen Fuß vor den anderen setzt, erzählen, was das doch für eine wunderbare Zeit war und dass man sie wertschätzen muss. Ich glaube kaum. Natürlich habe ich auch schöne Erinnerungen an diese Zeit und der Lauf der Dinge ist sicher, dass sie Mühsal und Plage auf Dauer überstrahlen werden. Aber trief drinnen weiß ich doch, meine Zeit war das nicht. Ich wünsche sie mir nicht zurück, ich bin froh, dass sie mehr und mehr überstanden ist.

Wie auf jeder Abenteuerreise gilt es auch beim „Abenteuer Kind“ nunmal anstrengende Streckenteile zu überwinden, weil man weiß, dass es auch vieles auf der Reise zu Sehen, zu Erspüren und zu Erleben gibt, das die Mühe wert ist. Man weiß, dass einen die Erinnerung daran durch’s restliche Leben bereichern und tragen wird.

Aber wir vernebeln uns diese Gedanken zu oft damit, das wir alles Schwierige zu einem Problem machen. Gerade beim ersten Kind ist das Abwarten oft sehr schwer. Viele in mannigfaltiger Weise von Erziehungsratgebern in die Welt gesetzten „Probleme“ vergehen von ganz allein. So wenig Kinder bevölkern unser westliches Leben, dass wir kaum mehr wissen, dass „Kinder einfach so sind“. Unsere Eltern jedenfalls haben es bereits vergessen, dass wir auch so waren.

Es wird immer wieder Phasen im Leben meiner Kinder geben, mit denen ich nicht gut zurechtkomme. Die mir als Person nicht liegen. Und es wird Zeiten geben, die ich in vollen Zügen genießen kann. Ich werde „Probleme“ bei anderen beobachten, die wir nicht haben oder die für uns keine darstellen. Aber ich werde auch feststellen, dass andere Eltern mit manchen Phasen besser zurechtkommen als ich.
Mit Kinder begegnen mir Dinge, die ich mir so für mein Leben nie ausgesucht hätte. Ich vertraue darauf, dass es mir gelingt aus der Krise, die Chance auf meine persönliche Entwicklung erwachsen zu sehen. Manchmal wird das schnell geschehen, manchmal werde ich mich lange abmühen. Aber ich kann das sicher schaffen……wenn ich nur ausschlafen darf.

4 Gedanken zu „Kleinkinderzeit -Ich weine ihr keine Träne nach

  1. Liebe Julia,

    ja, die Zeit ist sehr anstrengend, das kenne ich …
    Kennst du Bachblüten? Die haben meinen Kindern auch hin und wieder gut geholfen (Trotzphase, Einschulung, Schulstress …).
    Und sonst hilft: Schöne Momente bewusst genießen und auch mal die anderen (Mann, Großeltern, …) einspannen. Unser Leo fährt total auf die Omas ab :-P

    Und was ich dir noch sagen wollte: Du machst das mit den Kindern echt super – was ihr immer unternehmt, bastelt, … Wir kommen oft über Spielplatz nicht hinaus :-D

    Liebe Grüße,
    Nathalie

    (P.S.: Habe für Leo zum Geburtstag (in 11 Tagen) das Mitmach-Buch gekauft, das ich durch dich entdeckt habe – bin schon gespannt, wie es ihm gefällt :-))

  2. Liebe Natalie,

    vielen Dank für den lieben Kommentar. Bachblüten haben wir auch immer mal wieder in Gebrauch. Danke für die Erinnerung, ich könnte für hier mal ein paar besorgen.
    Hier in Miami sind wir übrigens auch ganz viel am Spielplatz. In Österreich bin ich dafür immer zu faul, weil ich mich ins Auto setzen müsste, um hin zu kommen.

    Ich würde mich freuen, zu hören, ob Eurem Leo das Buch gefallen hat.

    Liebe Grüsse,
    Julia

  3. Ich lese ein bisschen hin und her. Du hast Recht, ich denke auch sehr oft, wieviel besser es doch mittlerweile geht als noch vor ein paar Monaten. Die Kleine ist noch nicht im Trotzmodus (oder es ich leicht zu händeln) und der Große schreit nicht mehr wegen jedem Pieps (das war früher sehr, sehr schlimm). Ich gucke sehr gerne in Kinderwagen, sage aber nie, wie schön die Zeit doch war (ging so…). Was mich aber sehr ärgert, dass vor allem meine Verwandten sagen „Das wird alles besser. Du siehst, in einem halben Jahr ist es schon viel einfacher.“ Das hat mir echt zu schaffen gemacht. Ich wollte die Babyzeit nicht als schlimme Zeit ansehen, die hoffentlich bald vorbei ist. Mir hätte geholfen, mich auf die schöne Dinge in der aktuellen Phase hinzuweisen. Geht es dir auch so?
    Viele Grüße,
    Kathrin

    • Ganz ehrlich?…. nein…mich haben die Hinweise auf die schönen Dinge in der Phase eher genervt, weil ich mich dann noch unzureichender gefühlt haben, dass ich das nicht genießen konnte. Ich konnte/kann die Zeit noch einmal mit meinen ca. jeweils 3 Jahre jüngeren Nichten erleben und da konnte ich diese „Baby-Knuffigkeit“ und all das total genießen, aber eben nur weil ich es nicht 24/7 hatte. Ich habe es sicher auch einfach übertrieben in der Zeit und alles zu „perfekt“ gemacht und mich damit überfordert.
      Ich mag Kindergartenkinder und Grundschulkinder. Im Moment bilde ich mir auch ein, dass ich sicher ganz gut mit Teenagern kann, wir werden sehen. Ich glaube man muss sich nicht in die Jammerei reinsteigern, aber man muss auch nicht immer alles genießen mit den Kindern, manches liegt einem einfach nicht so, dafür anderes mehr. Und wenn das Kind Glück hat dann hat es ja noch Väter, Omas, Tanten usw.

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