Ein stiller Ort

 Eine eingehende Liebe zum stillen Örtchen sagt man gemeinhin nur Männern nach, während Frauen über dieses fäkale Areal meist diskret den Mantel des Schweigens decken. Aber an dieser Stelle bekenne ich, ich liebe die Toilette.

Zum einen ist die Toilette bei uns durchaus ein angenehmer Ort. Mein Mann, der zwar jede Schneeflocke frenetisch bejubelt, läuft auch im Winter gerne mit T-Shirt herum. Und obwohl ich ansonsten gerne Vorträge über die Problematik überheizter Wohnräume halte, genieße ich auf der Toilette eine Atmosphäre, die man als mollig warm bezeichnen könnte. Ein kleiner Raum in Verbindung mit Fußbodenheizung und der zumeist geschlossenen Tür ergibt nun mal ein mediteranes Klima. Eine klammer Toilettensitz und eine gänsehauterzeugende Umgebung ist meiner Meinung nach einer geregelten Verdauung auch eher abträglich.

Das erklärt also, warum ich gerne auf die Toilette gehe, jetzt aber kommt der schwerwiegendere Teil.
Ich bleibe länger auf der Toilette als nötig. Ich verstecke mich da vor meiner Familie. Nein, nicht lange, höchstens zwei, drei Minuten, manchmal fünf. Obwohl wir in großzügigen Wohnverhältnissen leben, habe ich, wie wohl die meisten Mütter, keinen Raum, der nur mir gehört. Keinen Raum, den ich ohne Erklärungsnot einfach hinter mir abschließen kann. Und auch auf die Toilette habe ich in dem letzten zweieinhalb Jahren meist mindestens ein Kind mitgeschleppt.

Aber damit ist jetzt Schluss! Ich gehe wieder allein. Manchmal sogar mit dem Geschrei der Kinder in den Ohren. Ich sperre die Tür zu und genieße die Ruhe. Unvorstellbar dass es Menschen gibt, die freiwillig die Toilettentür sperrangelweit auflassen. Wissen diese Menschen nicht, welches Maß an Regeneration, Meditation, Kontemplation ein Toilettengang bereithalten kann, wenn man die Welt für einen kurzen Moment aussperrt. Bewusstes Atmen in den Bauchraum, rituelles Händewaschen als Achtsamkeitsübung, vielleicht noch eine kleine Muskelentspannung nach Jacobson, alles Dinge, die eine kurze Auszeit sein können.

Meistens sitze ich allerdings da und fange an mir auszumalen, was in den paar Minuten alles passieren kann, in denen die Kinder unbeaufsichtigt sind. Angefangen von der Verwüstung des Wohnzimmers oder der Küche…..sie finden Malkreiden, die ich nicht ordentlich verräumt habe, sie verstreuen Lebensmittel, sie entleeren Blumenvasen und stoßen dann noch herumstehende Kaffeetassen um…hin zur körperlichen Schädigungen ihrer selbst…… sie verbrühen sich an herumstehenden Kaffeetassen, schlagen oder beißen sich gegenseitig auf eine das übliche Maß überschreitende Art und Weise, sie klettern auf den Tisch, fallen herunter, brechen sich das Genick.

Ich frage mich, wo genau die Grenze zu ziehen ist zwischen leicht fahrlässiger und grob fahrlässiger Verletzung der Aufsichtspflicht. Dass Müttern ein Toilettengang ohne Kinder von den Gerichten zugebilligt wird, erscheint mir ausgeschlossen. Jedenfalls nicht, wenn man nicht vorher in einem halbstündigen Sicherheitscheck vorgenommen hat, um etwaige Gefahrenquellen auszuschließen.

Derartige Horrorszenarien spielen sich bei uns übrigens ab, während der Vater der Kinder sich ebenfalls im Wohnzimmer befindet und Zeitung liest, wie nur Väter es können. Wenn ich so abgeschirmt von der Außenwelt Zeitung lesen könnte, müsste ich ja gar nicht mehr auf die Toilette gehen. Jedes mal bin ich also heilfroh, wenn ich den Ort meiner Albträume wieder verlassen kann und in der Zwischenzeit eigentlich gar nichts passiert ist.

Ich muss dann mal,
Julia

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